Excursion Genf
Wo ein Amerikaner einen albanischen Chef hat
Auf Exkursion zur UNO nach Genf
Im Mai 2011 entstand die Idee: Prof. Dr. Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), war Gastreferent in der Europawoche 2011 an der Hochschule Karlsruhe und lud Studierende der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften spontan zum Gegenbesuch nach Genf ein. Gesagt, getan! Zusammen mit Prof. Dr. Hagen Krämer kümmerte sich der studentische Verein aim e.V. anschließend um die Organisation einer Studienfahrt der Fakultät W zu verschiedenen UNO-Organisationen in Genf.
Am 13. Mai 2012 war es dann soweit. An einem wolkendurchwachsenen Sonntagmorgen Uhr traten wir, eine bunt gemischte Gruppe von Bachelor- und Master-Studenten der Studiengänge Wirtschaftsingenieurwesen und International Management, pünktlich um 11:00 Uhr und hochmotiviert unsere Exkursion nach Genf an.
Nach einer rund siebenstündigen Busfahrt – unterbrochen von sehr nervenaufreibenden Einparkschwierigkeit des Busfahrers bei einem Zwischenstopp auf einer Raststätte bei Basel – kamen wir nach regem Cruisen im Innenstadtverkehr in Genf letztlich wohlbehalten und bei herrlichem Sonnenschein in unserer Jugendherberge an. Hier wurden wir von einer leicht gereizten Dame empfangen und sehr streng auf die Hausregeln hingewiesen. Danach durften wir aber unser Gepäck direkt in den erstaunlich gepflegten und sauberen 6-Bett-Zimmern verstauen. Der erste Abend stand uns frei zur Verfügung, welchen die meisten dafür nutzten, um per Wassertaxi oder zu Fuß in das Zentrum zu gehen und sich die schöne Genfer Altstadt anzuschauen und bei einem der zahlreichen, idyllischen, doch selten preiswerten Restaurants essen zu gehen. So erfuhren wir gleich am eigenen Leib, warum Genf unter den teuersten Städten der Welt mittlerweile den dritten Platz einnimmt.
Am nächsten Morgen machten wir uns nach einem sehr übersichtlichen, jedoch sättigenden Frühstück in unserer Jungendherberge pünktlich um 8:30 Uhr auf den Weg Richtung UNCTAD. Ziel der UNCTAD ist die Förderung des Handels zwischen Nationen mit unterschiedlichem Entwicklungsstand. Hier sieht man die Hauptaufgabe besonders bei den weniger entwickelten Ländern. Aufgrund mangelnder Ortskenntnisse des Busfahrers bzw. der ziemlich engen Einbahnstraßen, die einem Reisebus das Navigieren doch sehr erschwerten, kamen wir leicht verspätet bei der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD) an. Wir nahmen die kleine Irrfahrt nicht weiter tragisch, sondern sahen sie einfach als Möglichkeit an, auf diese Weise noch etwas mehr von Genf sehen zu können.
Am UN-Gebäude der UNCTAD, dem „Palais des Nations“, angekommen, wurden wir nach dem Security Check freundlich empfangen und in einen der zahlreichen Konferenzräume des Völkerbundpalasts, dem früheren Hauptsitz des Völkerbundes, geführt. Dort empfing uns Prof. Dr. Heiner Flassbeck, Director Division on Globalization and Development Strategies der UNCTAD, mit dem ersten Vortrag des Tages. Herr Flassbeck erklärte zunächst den Aufbau und die Aufgaben der UNCTAD sowie die Zusammenhänge verschiedener UN-Organisationen. Des Weiteren sprach er über die Ziele der UNCTAD und die aktuellen Problemfelder der Globalisierung und deren Entwicklungen. Besonders interessant war hier der einmalige Einblick wie Vertreter globaler Organisationen bzw. verschiedener Länder auf den entscheidenden Konferenzen, wie zuletzt der Jahresversammlung in Doha, ihre Lobbyinteressen durchzusetzen versuchen und wie letzten Endes diplomatisch ein Konsens ausgearbeitet wird.
Nach einer kurzen Kaffeepause folgte der zweite Vortrag von David Bicchetti, Ökonom in der Abteilung von Prof. Dr. Flassbeck. Herr Bicchetti stellte uns seine aktuellen Forschungsergebnisse vor: eine Studie über die Auswirkungen, die das High Frequency Trading auf Spekulation und Preisentwicklung auf Rohstoffmärkten haben.
Gegen 13:00 Uhr wurden wir in die wunderschöne Kantine der UNCTAD geführt, in welcher wir zu Mittag aßen und das herrliche Wetter im Garten der UNCTAD mit Blick auf den Genfer See und den Alpen im Hintergrund genießen durften. Im Anschluss nahmen wir an einer offiziellen Führung durch das UN-Gebäude teil, bei welcher wir verschiedene imposante Konferenzräume besuchten und etwas über die interessante Geschichte der Vereinigten Nationen lernten.
Darauf folgte der abschließende Vortrag des Tages bei der UNCTAD durch Dr. Michael Hanni. Der Volkswirt der Abteilung Investment and Enterprise gab uns einen interessanten Einblick in das Themengebiet Foreign Direct Investments in Emerging Markets. Beiläufig ließ er anklingen, welche Probleme sich innerhalb internationaler Organisationen aufgrund der großen ethnischen Vielschichtigkeit des Personals ergeben können. So wies Michael Hanni, selbst US-Amerikaner, darauf hin, dass sein Vorgesetzter albanischer Herkunft ist, dessen Vorgesetzter aus Japan kommt und dieser wiederum einem Chinesen unterstellt ist, was eine hochspannende kulturelle Konstellation darstellt.
Nach einem kurzen Abstecher in unsere Jugendherberge ging es unmittelbar weiter zum nahe gelegenen Lokal Bains des Paquis, einem gemütlichen Restaurant mit Bademöglichkeit, direkt auf einem Pier im Genfer See gelegen. Das Wetter ließ uns nicht im Stich, so dass wir das Essen, welches wir als große Gruppe zu einem besonders günstigen Preis – im Verhältnis zu den ansonsten herrschenden Preisen in Genf – erhielten, im Freien und bei Sonnenschein genießen konnte. Von dort aus ließen wir den gemeinsamen Abend mit einem gemütlichen Zusammensein ausklingen.
Nach kurzem, aber entspanntem Schlaf starteten wir nach dem Frühstück gut gestärkt zur International Labour Organisation (ILO) oder auch Organisation International du Travail (OIT) genannt, welche eine Sonderorganisation der UN darstellt und 1919 bei der Friedenskonferenz in Versailles im Rahmen des Völkerbundes etabliert wurde. Im Jahr 1969 wurde die ILO mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Um 9:00 Uhr wurden wir von Dr. Frank Hoffer, Research Officer des Bureau for Workers‘ Activities, einem ehemaligen Kommilitonen und Doktorandenkollegen von Prof. Dr. Krämer an der Universität Bremen, empfangen. Seine Präsentation behandelte das Thema der sozialen Gerechtigkeit in einer unvollkommenen Welt und ging auf den weltweiten Beitrag der ILO zu einer „gerechteren“ Welt ein. Dr. Hoffer nahm sich wie alle anderen Referenten auch großzügig Zeit, um mit den Studierenden eine angeregte Diskussionsrunde zu führen und viele Fragen zu klären. Nach einer kurzen Kaffeepause folgte der zweite Vortrag des Tages von Dr. Deborah Schmidiger. Sie ist Mitarbeiterin im Better Work Programme der ILO und erläuterte uns die weltweit herrschenden Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Sie ging dabei besonders auf den Verhaltenskodex und das Thema Corporate Social Responsibility bei globalen Textilunternehmen ein. Hierzu stellte sie uns das „Better Work Program“ der ILO vor. Frau Schmidiger bestach besonders durch ihre Begeisterung für diese Thematik und die individuelle Vorbereitung ihres Vortrags für unsere Gruppe.
Nach der Mittagspause in der Kantine wurden wir dann von Herrn Hoffer durch das Gebäude der ILO geführt und erhielten nicht nur einen Einblick in die Geschichte der Organisation, sondern insbesondere auch zu dem geschichtlichen Hintergrund und der Beziehung der ILO zu Deutschland. Daraufhin folgte dann der letzte Programmpunkt unserer Exkursion, ein Vortrag von Dr. Ekkehard Ernst, Leiter der ILO Employment Trends Unit, in welchem er uns die globalen Beschäftigungstrend in 2012 näherbrachte sowie auf einzelne Regionen genauer einging und uns mögliche politische Lösungen für den Beschäftigungsrückgang seit der Krise vorstellte.
Leicht erschöpft, jedoch mit sehr viel neuen Impressionen und interessanten Eindrücken, stiegen wir, zum ersten Mal pünktlich, um 15:00 Uhr in unseren Reisebus ein, um uns nach drei sehr interessanten und lehrreichen Tagen auf den Rückweg nach Karlsruhe zu machen.
Die Exkursion nach Genf war für alle Beteiligten ein voller Erfolg. Neben den hochinteressanten Vorträgen und anregenden Diskussionsrunden blieb genug Zeit, um die Innenstadt von Genf zu erforschen und über die herrschenden Preise in der Schweiz zu staunen. So konnten nach den Besuchen in zwei der bedeutendsten internationalen Organisationen auch noch gemütliche Stunden zusammen am Genfer See oder in einem der zahlreichen Restaurants oder Bars verbracht werden. Ein großer Dank geht hierbei an das Engagement von Herrn Prof. Dr. Krämer und Herrn Prof. Dr. Schmidt, welche diese Exkursion ins Leben gerufen und auch erfolgreich durchgeführt haben. Das Nachtreffen der Teilnehmer dieser Genf-Exkursion inklusive einer Kompilation der besten in Genf geschossenen Fotos und einem anschließendem Beisammensein in einem Karlsruher Gasthaus brachten die Sache dann Anfang Juni zu einem perfekten Abschluss. Es wäre wünschenswert, dass solch hochwertigen Studienfahrten seitens der Fakultät häufiger angeboten würden.
Andrea Mieskes, Markus Schmider
