Alter Block - Neuer Hof

Die Metamorphose des Passagehofs Karlsruhe

Im Zuge der Nachverdichtung gewinnen vernachlässigte Flächen und Flächen zweiter Reihe vermehrt an Relevanz. Auch in Karlsruhe ist diese Entwicklung erkennbar, weshalb auch die Karlsruher Lieferhöfe in den Fokus einer nachhaltigen Stadtentwicklung rücken. Das innerstädtische Geflecht der Lieferhöfe besteht aus insgesamt elf Höfen und Gassen, die ursprünglich die Belieferung und rückwärtige Erschließung der Kaiserstraße ermöglichen sollten. Ihre frühere Nutzung als Ver- und Entsorgungsstrang trifft aufgrund von Änderungen der Betriebsabläufe im Einzelhandel mittlerweile jedoch nicht mehr zu.
Als einer der bekanntesten Höfe innerhalb des Geflechts gilt der Passagehof. In der Vergangenheit wurden bereits Versuche unternommen, diesen Raum zu aktivieren. Die Eingriffe führten jedoch langfristig nicht zum Erfolg. Heute prägen Durchgangsverkehr, Parkbuchten, veraltete Bausubstanzen, Baulücken, Ladenleerstände und häufig wechselnde Besitzer in Einzelhandel und Gastronomie das Bild des Passagehofs. So wird er, wie die anderen Lieferhöfe auch, weder als Aufenthaltsort noch durch eine architektonische Identität wahrgenommen. Mangelnder Charme und fehlende Lebhaftigkeit sind die Folge. Dabei steckt in den Lieferhöfen aufgrund ihrer innerstädtischen Lage ein enormes Potenzial. Sie können für die Stadtentwicklung von großer Bedeutung sein, da sie in ihrer Gesamtheit ein Netz an öffentlichen Räumen und Wegen in zweiter Reihe zur Kaiserstraße bilden. Durch neue Nutzungen sind sie in der Lage, eine abwechslungsreiche Funktionsmischung für Karlsruhe zu entwickeln.

Das Ziel des Entwurfs liegt darin, den vernachlässigten Stadtraum des Passagehofs zu reaktivieren und ihm die bisher fehlende Identität und Aufenthaltsqualität zu verschaffen. Die Blockbebauung als städtebaulicher Rahmen bleibt bestehen, wohingegen die vernachlässigten Bausubstanzen des Passagehofs abgebrochen werden. Neben dem Baumbestand werden mit dem Hochhaus und der Kinemathek zwei Zeitzeugen in das neue Konzept integriert. In die bestehende Blockbebauung wird eine neue dreigeschossige Bausubstanz eingefügt. Dabei werden Platzkanten aufgenommen und der Hof teilweise verdichtet. Durch die Anordnung von Lichthöfen entstehen Verbindungselemente zwischen Neubau und Bestand. Die Absenkung dieser Elemente garantiert eine natürliche Belichtung.

Mit der neuen Substanz wird auch eine neue Nutzung implantiert. Die neue, zentralisierte Stadtbibliothek als öffentliche Institution soll dem Passagehof die bisher fehlende Identität verleihen.

Die Zugänge zum Hof werden konzeptionell überarbeitet. Zur hochfrequentierten Karlstraße wird ein neuer Zugang geschaffen, wohingegen die beiden Zugänge zur Akademiestraße nicht erhalten bleiben. Die bisherige Funktion als Anliefer- und Parkraum wird aufgegeben - der Passagehof ist künftig eine autofreie Zone.

Durch das Setzen eines zusätzlichen Hochpunktes erfolgt eine konzeptionelle Überarbeitung des bestehenden Hochhauses. Der bestehende Turm wird in Anlehnung an den Neuen saniert und erhält dadurch ein neues Gesicht. Es entsteht ein architektonisches Zusammenspiel zwischen den beiden Hochpunkten.

Der Passagehof zeichnet sich künftig durch eine breite Nutzungsmischung aus. Die neue Stadtbibliothek bildet das Herz des Blockinneren. Sie zieht sich über die oberen beiden Geschosse und tritt an drei Stellen ins Erdgeschoss hinunter. Durch bildungs- und kulturgeprägten Einzelhandel sowie Gastronomie im Erdgeschoss wird die Bibliothek ideal ergänzt. Das Durchstecken von Erdgeschossflächen ins Blockinnere führt zu einer verstärkten Verzahnung mit dem städtischen Geflecht. Das kulturelle Angebot im Passagehof wird durch die seit 1957 bestehende Kinemathek abgerundet. Während sich also das öffentliche Leben in den unteren drei Etagen abspielen wird, bieten die beiden Türme Platz für privates Wohnen.

(Auszug aus der Entwurfserläuterung)