Infrastruktur - Anbindung von Regionen als Erfahrungsziel

(Text: Prof. Dr. Karsten Schubert; Prof. Dr. Michael Korn; Fotos: Prof. Dr. Karsten Schubert; Jochen Knecht, MBA)

Anfang Mai 2015 führte eine Exkursion des Studiengangs Baumanagement und Baubetrieb unter Leitung von Prof. Dr. Michael Korn und Prof. Dr. Karsten Schubert die 30 Personen zählende Gruppe aus Studierenden und Professoren nach Hamburg, Fehmarn, Kopenhagen und Malmö zur geplanten festen Fehmarnbeltquerung und den großen Brücken Skandinaviens.

Die feste Femarnbeltquerung zwischen Deutschland und Dänemark sowie die Øresundbrücke zwischen Dänemark und Schweden gehören zu den 30 vorrangigen Projekten des Europäischen Programms Transeuropäische Netze für Verkehr (TEN-V). Ein weiteres zentrales Verkehrsinfrastrukturbauwerk insbesondere für Dänemark selbst ist die Storebæltbrücke zwischen den Dänischen Inseln Seeland und Fünen. Über diese Brücke ist es jetzt schon möglich, ohne Fährpassagen von Kopenhagen nach Jütland und weiter nach Europa zu gelangen. Bauherr und Eigentümer aller drei genannten Bauwerke ist die Sund&Bælt Holding A/S, ein 100-prozentiges Staatsunternehmen, welches dem dänischen Verkehrsministerium unterstellt ist. Die Refinanzierung der drei Infrastrukturprojekte erfolgt über Mautgebühren. Die Verkehrsprognosen und damit verbundenen Einnahmen für die großen Brücken wurden bei der Øresundbrücke mit 18 Mio. Fahrzeugen pro Jahr für das Jahr 2013 eingehalten bzw. bei der Storebæltbrücke mit 30 Mio. Fahrzeugen pro Jahr für 2013 bei geplanten 20 Mio. Fahrzeugen pro Jahr deutlich übertroffen.

Auftakt der Exkursion war der Besuch der neuen HafenCity Universität Hamburg, wo die Gruppe von Prof. Dr. Annette Bögle empfangen wurde. Prof. Dr. Bögle forscht und lehrt auf dem Gebiet Entwurf und Analyse von Tragwerken. Nach einer kurzen Führung durch den Universitätsneubau stellte Prof. Dr. Annette Bögle das Lehrkonzept der HCU, die sich als aktive Schnittstelle zwischen Architekten und Bauingenieuren versteht, vor und diskutierte mit der Gruppe u.a. über die technische und ästhetische Funktion der Brücke allgemein.

Direkt im Anschluss an den Besuch der HCU ging es weiter nach Burg auf Fehmarn zum Informationszentrum der geplanten festen Fehmarnbeltquerung. Vor Ort wurde die Gruppe von Herrn Bernhard Ketels empfangen. Der pensionierte Scandlines-Kapitän leitet das Informationszentrum seit seiner Gründung im Sommer 2009 und gab einen fundierten Einblick in die Planung dieses internationalen Großprojektes der verkehrlichen Anbindung Skandinaviens an Zentraleuropa.

Die feste Fehmarnbeltquerung wird als Senkkastentunnel mit einer Gesamtlänge von rd. 18 km gebaut, der aus 79 Standard- und 10 Sonderelementen besteht.

Der Einsatz von Sonderelementen zur Unterbringung aller mechanischen und elektrischen Anlagen, die zur einfachen Wartung in einer zusätzlichen Ebene unter dem Verkehrsweg angebracht sind, ist neu. Durch die Trennung von Verkehrs- und Betriebsanlagen ist eine kontinuierliche Wartung möglich, ohne den Verkehr mehr als unbedingt notwendig zu stören. Darüber hinaus können die Standardelemente technisch einfacher und mit geringen Abweichungen praktisch einheitlich gestaltet und in Serie gefertigt werden. Die Größe der Standardelemente setzt mit einer Elementgröße von 217 m Länge und einer Masse von 73.000 t Stahlbeton neue Maßstäbe für die Senkkastenbauweise. Alle Elemente werden in Zukunft in einem Fertigteilwerk im dänischen Rødbyhavn gebaut. Die Enden werden mit Schotten verschlossen, die einzelnen Elemente als gigantische schwimmende Hohlkörper in den Belt geschleppt und per GPS zentimetergenau in eine vorher unter Wasser gegrabene Rinne abgesenkt.

Derzeit befördern die Fähren rd. 15 Mio. Fahrzeuge jährlich. Nach Fertigstellung der festen Querung liegen die Verkehrsprognosen für die ersten Jahre zwischen 3,1 Mio. Fahrzeugen bei konservativer Schätzung und 3,6 Mio. Fahrzeugen bei optimistischer Schätzung pro Jahr. Langfristig wird eine Steigerung auf rd. 4,5 Mio. Fahrzeuge pro Jahr im Jahr 2047 erwartet.
Für die geplante feste Fehmarnbeltquerung wird ein Investitionsvolumen von rd. 6,3 Mrd. Euro abgeschätzt, der Invest ist über 39 Jahre zurückzuzahlen. Die Finanzierung des eigentlichen Tunnels liegt vollständig auf der Dänischen Seite und wird dort über diverse Anleihen finanziert. Lediglich die sog. "Hinterlandanbindung" auf Deutscher Seite mit einem Ausbau der Straßen- und Gleisanbindung ist aus dem Haushalt der Bundesrepublik Deutschland zu finanzieren.

Nach der Überquerung des Fehmarnbelts per Fähre machte die Gruppe aus Karlsruhe in Kopenhagen Station, um am nächsten Tag an eine mehrstündige Führung über die Øresundbrücke zwischen Kopenhagen in Dänemark und Malmö auf der Schwedischen Seite zu erleben. Die Øresundbrücke ist mit einer freien Feldspannweite von 490 m und einer Höhe der Pylone von 206 m nicht nur die größte Schrägseilkabelbrücke Europas sondern auch das höchste Bauwerk Schwedens.
Sachkundiger Führer vor Ort war Thomas Hedberg, der Planung und Bau der Brücke begleitet hat. Die Øresundbrücke zwischen Kopenhagen und Mälmo wurde 2000 eröffnet. Ihre Investitions- und Betriebskosten in Höhe von 2,7 Mrd. Euro sind nach heutiger Prognose nach 35 Jahren im Jahr 2026 refinanziert.

 

Der abschließende Besuch der Storebæltbrücke machte das Trio der drei großen Infrastrukturbauwerke komplett. Die Storebæltbrücke gehört mit einer Stützweite von 1624 m zu den längsten Hängebrücken weltweit. Ihre 254 m hohen Stahlbetonpylone sind die höchsten Bauwerke Dänemarks.
Die Storebæltbrücke wurde 1998 eröffnet. Ihre Investitions- und Betriebskosten in Höhe von 4,6 Mrd. Euro sind nach heutiger Prognose nach 31 Jahren im Jahr 2029 refinanziert. Die Ursache für den deutlichen Kostenunterschied zur Øresundbrücke ist neben der unterschiedlichen Länge beider Bauwerke und Anbindungen der parallel zur Gesamtstrecke der Storebæbrücke im TBM-Vortrieb gebaute Eisenbahntunnel. Der Tunnel der Anbindung der Øresundbrücke wird zwar sowohl vom Eisenbahn- als auch vom Straßenverkehr genutzt, ist aber in der wesentlich kostengünstigeren Senkkastenbauweise erstellt worden.
Nach einer herzlichen Begrüßung durch den Technischen Direktor Lars Fuhr Pedersen eröffnete ein Vortrag von Herrn Pedersen viele Einblicke in die technische als auch ökonomische Planung und Umsetzung eines so großen Infrastrukturbauwerks. Der Besuch der für den Bau der Brücke künstlich erweiterten Insel Sprogø war ein Höhepunkt der Exkursion, der auf der für Besucher gesperrten Insel ein grandiosen Blick auf die Brücke erlaubte.

Mit der Rückkehr nach Hamburg schloss sich für die Studierenden nicht nur der Kreis der Exkursionsroute, sondern auch die Schlussfolgerung war offensichtlich, dass Bauprojekte für die Anbindung ganzer Wirtschaftsregionen - hier Skandinaviens - eminent wichtig sein können.

 

Quellen:
www.femern.de/material-folder/documents/2014/verkehrsprognosefinal.pdf