Reallabor GO Karlsruhe

Wissenschaftler der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft ziehen gemeinsam Bilanz mit Kooperationspartnern und Wissenschaftsministerin Theresia Bauer über drei Jahre Fußverkehrsforschung

29. Oktober 2019

Für einige Aufmerksamkeit sorgte in den vergangenen Wochen das Reallabor GO Karlsruhe der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft. Das Projekt, das sich der Erforschung des Fußverkehrs widmete und dabei die Meinungen und Bedürfnisse der Fußgängerinnen und Fußgänger ermittelte, ist für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Forschung nominiert und gewann vor kurzem auch den Deutschen Ingenieurpreis Straße und Verkehr 2019 in der Kategorie „Verkehr im Dialog“. Nun wurden die Ergebnisse des Projekts am heutigen Dienstag im Beisein von Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, präsentiert.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer:

„Reallabore sind ein gutes Instrument, mögliche Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung und auf die gesellschaftlichen Veränderungen auszutesten. Solche großen Lern- und Gestaltungsprozesse schafft keiner alleine: Sie setzen eine gelingende Kooperation von Wissenschaft und Gesellschaft voraus. Ich freue mich sehr darüber, dass diese Zusammenarbeit bei GO Karlsruhe außerordentlich fruchtbar war. Die Ergebnisse werden weit über Karlsruhe hinaus wirken.“ Das Reallabor GO Karlsruhe war eines von 14 Reallaboren, das vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert wurde.

Projektleiter Prof. Dr. Christoph Hupfer:

„Die Ergebnisse des Reallabors GO Karlsruhe zeigen, dass es möglich ist mehr für die Fußgängerinnen und Fußgänger zu tun. Dies kann bedeuten, Flächen umzuverteilen, die Verträglichkeit mit anderen Verkehrsteilnehmern zu fördern oder einfach Situationen zu schaffen, in denen sich die Fußgänger respektiert und wahrgenommen fühlen. All das leistet einen Beitrag zur Förderung des Fußverkehrs. Zudem haben wir gezeigt, dass es Möglichkeiten gibt, Ideen zur Förderung des Fußverkehrs mit den durchgeführten Realexperimenten ‚einfach einmal‘ auszuprobieren und so ins Handeln zu kommen. Hierdurch wird der Widerstand gemindert, der durch dauerhafte, vermeintlich nachteilige Veränderungen in einer konventionellen Umsetzung von Maßnahmen vielfach auf den Plan gerufen wird. Digitale Kommunikation beteiligt vor Ort mit enormer Resonanz! Mit Realexperimenten können mehr Veränderungen – wenn auch zunächst zeitlich und örtlich begrenzt – letztendlich nachhaltig umgesetzt und für die Fußgängerinnen und Fußgänger erlebbar gemacht werden.“   

Das Programm mit Ministerin Bauer und den Projektpartnern startete mit einem Vor-Ort-Termin in der Karlsruher Erbprinzenstraße, wo das Miteinander von Fußgängern und Radfahrern verbessert werden sollte. Die dort eingesetzten dynamischen Displays für den Radverkehr und Dialog-Poster zur Beteiligung konnten zwar keine messbaren Verbesserungen für Fußgänger bewirken. Allerdings bewerteten die Nutzer die Bemühungen positiv, die Rücksichtnahme zwischen Fußgängern und Radfahrern zu fördern, was zu einer subjektiven Verbesserung der Situation führte: der Anteil der unzufriedenen Fußgänger konnte von 70 % vor dem Realexperiment auf 58 % nach der Einführung der beiden Displays gesenkt werden.

Die anschließende Fahrt zum Campus der Hochschule Karlsruhe in der Moltkestraße 30, wo weitere Projektergebnisse präsentiert wurden, unternahm die Ministerin mit der Projektgruppe umweltfreundlich und gemäß den Mobilitätszielen der Stadt Karlsruhe per „KVV.nextbike“-Leihfahrrad. Besonders die Situation am Mühlburger Tor brachte durch das Realexperiment vor Ort, bei dem ein Kfz-Fahrstreifen gesperrt wurde, positive Auswirkungen für den Fußverkehr. Der positive Effekt entstand vor allem durch ein adäquates Querungsangebot mit deutlicher Reduzierung der Wartezeit um 60 % an der dortigen Ampel. Zum anderen wurde mit dem Realexperiment die Situation an den Aufstellflächen verbessert, wodurch das Warten auf der Fahrbahn vermieden und so gefährlichen Situationen entgegengewirkt wurde. Die Auswirkungen auf den motorisierten Individualverkehr waren aus verkehrstechnischer Sicht vernachlässigbar. Allerdings konnte unter anderem in der Morgenspitze stadteinwärts ein Rückstau beobachtet werden. Diese wertvollen Erfahrungen werden seitens der Stadt Karlsruhe bei Planungen in Zukunft berücksichtigt.

Des Weiteren hat sich der Einsatz der für das Projekt entwickelten interaktiven Poster bewährt. So konnte festgestellt werden, dass niedrige Geschwindigkeiten im Kfz-Verkehr das Sicherheitsempfinden von Fußgängern deutlich erhöhen und eine Voraussetzung für Mischflächen mit allen Verkehrsteilnehmern sind. Dies wurde vor allem in den Versuchen in den engen Straßenräumen von Alt-Knielingen deutlich, in denen die zu Fußgänger während des Experiments (Mischverkehr mit Kfz-Verkehr unter Einsatz von temporären Plateauaufpflasterungen) eine deutlich verbesserte Aufenthaltsqualität meldeten.

Die Projektpartner des Reallabors, die Stadt Karlsruhe sowie die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung, Berlin, und der Verein Fuss e. V. äußerten bei der Abschlussveranstaltung die Laborerfahrungen aus ihrer Sicht.

Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup:

„Im Mobilitäts-Mix setzt Karlsruhe auf eine nachhaltige urbane Mobilität. Hier sind wir schon sehr erfolgreich unterwegs – und möchten den Umweltverbund konsequent weiter ausbauen. Dabei bin ich ein Befürworter von Maßnahmen, welche den Menschen in ihrem Alltag ganz konkret weiterhelfen. Daher hat mir der pragmatische und experimentelle Ansatz von ‚GO Karlsruhe‘ sehr gut gefallen. Das Reallabor zeigte etwa auf der Baustelle am Mendelssohnplatz Flagge. Durch Richtungssperrung einer Hauptradroute war die Situation bereits in der Planungsphase insbesondere zwischen Fußgängern und Radfahrern schwierig. Durch Kombination einer Umfahrung für Radfahrende mit digitalen Anzeigen konnte der Radverkehr um mehr als 2/3 gedrosselt werden. Trotz der Engstellen und geänderter Wegführungen wurde das Passieren für Fußgänger verbessert. Die im Sanierungsgebiet Knielingen erreichte Verkehrsberuhigung über Plateauaufpflasterungen war ein erfolgversprechender Probelauf für die mögliche bauliche Umsetzung. Sichere und attraktive Wegebeziehungen für Fußgängerinnen und Fußgängern wollen wir künftig verstärkt in den Fokus nehmen. Daher werden wir 2020 nicht nur für den Radverkehr, sondern erstmals auch für den Fußverkehr über ein Audit-Verfahren einen Aktionsplan erarbeiten.“ 

Katalin Saary für SRL und FUSS e. V.:

„Integriertes Denken und Handeln sind wesentlich um die Verkehrsräume in unseren Städten wieder zu Lebensräumen werden zu lassen. Das Reallabor GO Karlsruhe hat in eindrücklicher Weise gezeigt, was – nicht nur – für den Fußverkehr möglich ist, wenn alle Akteure – Bürgerinnen und Bürger sowie Fachdisziplinen – intensiv und mit geeigneten Formaten beteiligt werden. Der Fachverband FUSS e. V. setzt sich bundesweit und vor Ort dafür ein, dass sich die Rahmenbedingungen für den Fußverkehr verbessern. Die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) steht für eine integrierte Planung. Beide Verbände eint das Ziel, Städten wieder ein menschliches Gesicht zu geben. Die Stadt Karlsruhe hat mit dem Reallabor gezeigt, wie das geht. Um den Fußverkehr nachhaltig zu fördern, wäre der nächste logische Schritt nun die Erstellung und Verabschiedung einer kommunalen Fußverkehrsstrategie.“

Das Reallabor "GO Karlsruhe" war eines von 14 Reallaboren, das vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert wurde. Das Reallabor wurde in enger Kooperation mit der Stadt Karlsruhe durchgeführt und von der Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Bürgervereine e. V., vom Radiosender "die neue welle" sowie vom SRL und dem FUSS e. V. unterstützt.

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