Reisetagebuch zur Sommerradtour

7 Hochschulen, 5 Bundesländer, 1 Ziel: Die vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) geförderten Hochschulen mit Stiftungsprofessuren Radverkehr wollen mit einer Radtour von Hochschule zu Hochschule die aktuelle Situation für Radfahrende „erfahren“ und in Dialog mit Experten aus Politik und Wirtschaft treten. Die Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft startet mit der ersten Etappe von Karlsruhe nach Frankfurt vom 6. bis 10. August 2020. Weitere Stationen werden Wiesbaden, Wuppertal, Kassel, Salzgitter, Wildau und Berlin sein. Die detaillierten Tourenplanungen der einzelnen Etappen sowie der Blog des BMVI zur Tour sind unter https://zukunft-radverkehr.bmvi.de abrufbar.

Auftakt: Vorabend in Kirchheim unter Teck

Wir treffen Günter Riemer, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg e. V. (AGFK-BW) und Erster Bürgermeister von Kirchheim unter Teck. Er schwärmt von seiner 30 000 Einwohner zählenden Gemeinde, die sich durch ein aktives und gemeinschaftliches Leben auszeichnet. Wir haben auch den Eindruck, dass Kirchheim ein Ort zum Wohlfühlen ist. Und das liegt nicht nur an den schön herausgearbeiteten Fachwerkhäusern in der Innenstadt. Bis spät in den Abend sitzen wir mit Günter Riemer am Marktplatz bei einem Krug Bier und reden vor allem über unser heutiges Lieblingsthema, der Fortbewegung auf zwei Rädern. Wir tauschen uns aus, wie der Radverkehr weiter nach vorne gebracht werden kann. Z. B. über ein verbessertes Wegenetz, Kompetenz in den Planungsbüros oder eine gute Vernetzung der einzelnen Akteure in Politik, Gesellschaft und neuerdings auch der Wissenschaft. Die Entscheidung, ob ich das Auto, den Bus oder das Fahrrad zur Fortbewegung nehme, wird vermutlich zum größten Teil aus emotionalen Gründen gefällt. Es macht mir Spaß oder es macht mich glücklich oder ich fühle mich stark und gesund, dürften starke Momente sein, wenn die Wahl auf das Fahrrad fällt. Und hier gilt es ebenso anzusetzen. Mal sehen, was uns die nächsten Tage weiter an Argumenten liefern. WIR, das sind übrigens die Professoren Jochen Eckart und Christoph Hupfer aus dem Studiengang Verkehrssystemmanagement, Jule Merk und Martin Temmen – akademische Mitarbeiter der Stiftungsprofessur Radverkehr, Prorektor Franz Quint und Cordula Boll von der Geschäftstelle für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing.

Tag 1 | 06.08.2020: Den Staffelstab im Gepäck starten wir mit voller Energie

Wenn Menschen zusammen eine Radtour machen, dann verbindet sie in der Regel ein gemeinsames Hobby, Freundschaft oder die Familienbande. In unserem Fall ist das anders. Ausgestattet mit verschiedenen Fahrradtypen und unter völlig ungleichen konditionellen Voraussetzungen begeben wir uns auf diese Tour mit dem Ziel, den Radverkehr in Deutschland zu erfahren und zu verbessern. Die Strecke, die wir heute bewältigen, führt uns zunächst von Kirchheim unter Teck über  Wendlingen flussabwärts den Neckar entlang bis nach Stuttgart. Warum wir uns in den Stuttgarter Raum begeben, wo doch die Tour eigentlich in Karlsruhe startet? Weil wir dort neben anderen Akteuren des Radverkehrs Verkehrsminister Winfried Hermann und Ministerialdirektor Ulrich Steinbach im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg treffen wollen.

Am Morgen knüpfen wir bei einem kurzen After-Breakfast-Talk mit Günter Riemer an die gestrigen Gespräche an. Als Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg e. V. (AGFK-BW) und passionierter Radfahrer kennt er sich bestens mit den Bedürfnissen und den Anforderungen des Radverkehrs aus. Beachtliche 77 Städte, Gemeinden und Landkreise sind bereits Mitglied in dem verkehrspolitischen Netzwerk. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, mehr Menschen sicher aufs Rad zu bringen und ihnen die Freude am Radeln zu vermitteln. Ganz in unserem Sinne!! Und folgerichtig, dass der Verein zu unseren Kooperationspartnern der Stiftungsprofessur Radverkehr gehört. Zu uns gesellt sich MdL Andreas Schwarz, Vorsitzender der Landtagsfraktion der Grünen. Im Gepäck haben wir ein 'Pflichtenheft' für die neue Radprofessur, in das alle Praktiker, die wir entlang der Etappe treffen, ihre Wünsche und Ideen zur Erforschung und Förderung des Radverkehrs eintragen können. Schnell noch ein paar Fotos für die lokale Presse schießen, dann geht es los. 

Unterstützt von leichtem Rückenwind und einem moderaten Gefälle fahren wir wie fast von alleine über Wendlingen am Neckar entlang in die Stuttgarter City. Das ist Radfahren im Wohlfühlmodus! Nach ca. 34 km erreichen wir die Landeshauptstadt und machen Zwischenstation bei Paul Lange & Co. OHG, Er ist einer unserer Kooperationspartner der Stiftungsprofessur Radverkehr und bringt seine Erfahrungen und Expertise aus der Zweiradindustrie ein. Wir bekommen ein leckeres Mittagessen und auch unsere Pedelecs werden mit neuer Energie versorgt. Wie jede gute Tour kommt auch diese nicht ohne Entbehrungen aus und so müssen wir aus Zeitgründen leider auf den vorbereiteten Kaffee verzichten. Beim anschließenden Abstecher im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst werden wir überaus freundlich von MD Ulrich Steinbach empfangen. Auch wenn unsere Wegbegleiter heute allesamt Radenthusiasten sind, so geht es bei der Stiftungsprofessur darum, das Radfahren für die breite Bevölkerung attraktiv zu machen. Und derzeit stehen die Zeichen gut, dass das gelingen kann. Gerade in Zeiten von Corona erlebt das Radfahren und die Fahrradindustrie einen regelrechten Boom. Ein Zug, auf den wir aufsetzen wollen. Allerdings gibt es hier auch noch viel zu tun!

Mit dem Ortswechsel in die Dorotheenstraße, wo sich das Verkehrsministerium befindet, nähern wir uns dem heutigen Höhepunkt der Tour in mehrerlei Hinsicht. Nicht nur, dass die Sonne nun ihren höchsten Stand erreicht hat und ordentlich Hitze ausstrahlt. Wir werden zusammen mit Verkehrsminister Winfried Hermann die einzige Bergetappe des Tages, ja der ganzen dreitägigen Etappe, bestreiten. Immerhin 300 Höhenmeter nach Stuttgart-Vaihingen hoch. Doch zuvor führt uns Hermann durch die Stuttgarter Innenstadt und zeigt uns Schwachstellen und Best-Practice-Projekte für den Radverkehr. Die 300 Höhenmeter schaffen wir gut, sowohl mit als auch ohne Motor. Oben angekommen, treffen wir auf Siegfried Zenger, Leiter des Landratsamts Böblingen, und Martin Wuttke, 1. Landesbeamter von Böblingen. Bei einem kurze Stopp erfahren wir historische und verkehrspolitische Hintergründe der ersten baden-württembergsischen Radschnellverbindung zwischen Stuttgart und Böblingen. Sie wurde im vergangenen Jahr eingeweiht und ist seither regelrechter Anziehungspunkt für Radfahrer. Sorgenfrei und ohne Platznot kann man es hier über eine Länge von ca. 8 km Länge richtig laufen lassen. Ein weiterer Radfahrhochgenuss für den heutigen Tag!

Unsere letzte Station an diesem Tag ist Pforzheim, wo wir das Team des SWR für eine Live-Schalte treffen. Zuvor führt uns Stefan Auer, Amtsleiter des Grünflächen- und Tiefbauamts, zu den Problemstellen für Radfahrer in der Stadt. Vor allem die Querungen von stark befahrenen Autostraßen stellen nicht nur in Pforzheim ein großes Problem für Radfahrer da. Aber um solche Probleme zu lösen, muss der Wille in der Politik vorhanden sein, genauso wie eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung. 

Mal schauen, was der nächste Tag so bringt. 

Tag 2 | 07.08.2020: Sommer, Sonne, Rad und Netzwerken

Am nächsten Morgen erwarten uns Ulrich Wagner vom Stadtplanungsamt der Stadt Karlsruhe und Ragnar Wattenroth vom Landkreis Karlsruhe an der Fahrradstation des Karlsruher Hauptbahnhofs. Die Stadt hat einiges an Best-Practice-Projekten in Sachen Radkverkehr aufzuweisen. Immerhin steht sie auf Platz 1 des Fahrradklima-Testsdes Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Dass es aber auch in der Fahrradvorzeigestadt noch Schwachstellen gibt, sehen wir bei der anschließenden gemeinsamen Fahrt. Das Schwarzwaldkreuz hinter dem Hauptbahnhof zum Beispiel ist für Radfahrer in Ost-West-Richtung nur mit einigen Schleifen zu überwinden. Wir machen den Test: runter, rüber, dreimal gedreht, rauf und rüber, fast 1 1/2 Minuten haben wir für die Querung benötigt. Nach den Plänen der Stadt soll diese Hürde mit einer Untertunnelung genommen werden, wenn die geplante Rad-Südtangente umgesetzt wird. Dann könnten Radler auf einer Länge von 12 km entlang der Südtangente auf einerm durchgehenden Radweg die Rheinbrücke erreichen. Vermutlich sind sie dann an den meisten Tagen schneller unterwegs als die Autos auf der Nebenspur.

Überquerungen sind häufiger das Problem, das sehen wir auch am Beispiel Sophienstraße, der längsten Fahrradstraße in Karlsruhe. Um den Mittelstreifen zu überwinden, müssen Radfahrer auch an dieser Stelle eine Schleife drehen.

Einen weiteren Schwachpunkt machen wir beim Übergang von Mühlburg zum Rheinhafen ausfindig. Um an das beliebte Ausflugsziel gelangen, muss man häufig den Weg wechseln, die Verkehrsführung ist undurchsichtig und die Wege sind aufgrund ihrer geringen Breite auch nicht gerade für Fahrradanghänger gut geeignet. 

Unsere Feldforschung in Karlsruhe - wo könnte es anders sein - endet auf der Rheinbrücke. Von dort fahren wir auf dem wunderschönen Rheinhochdamm in nördliche Richtung nach Germersheim. Bei hochsommerlichen Temperaturen und der verwunschenen Rheinauenlandschaft kommt so etwas wie Urlaubsstimmung bei uns auf. Wir schalten den Autopiloten auf 25 km/h ein und genießen die Fahrt.  

Hardy Siebecke erzählt uns bei einem Mittagssnack und leckerem Cappuccino die Geschichte der Spezialradmesse in Germersheim, die aus dem ganzen Land Besucher anlockt. Was früher noch Objekte für Fahrrad-Freaks waren, sind heute unverzichtbare und praktische Fahrzeuge für Urlaubsreisen, Einkäufe und Familienausflüge. Er hat ein Velomobil und ein Liegerad mitgebracht. Er zeigt uns die technischen Finessen und lässt uns probesitzen. 

Von Erhardt Vortanz vom ADFC erhalten wir Einblick in die Praxis der Radbeschilderung in der touristischen Südpfalz mit ihrem weit verzweigten Netz an Radwegen. Der passionierte Radverkehrsplaner und Fahrradaktivist setzt sich aber auch überall dort ein, wo Radfahren angenehmer und sicherer gemacht werden kann. 

Auf unserem Nachmittagsprogramm steht die 40 km lange Strecke nach Heidelberg mit dem Ziel Heike Eberhardt vom Büro Verkehr mit Köpfchen zu treffen. Einmal durch den Rheingraben also. Bei kühlen Getränken und in netter Runde erzählt sie von ihrem Projekt "Radfahren mit Baby", das in den Nationalen Radverkehrsplan aufgenommen wurde. Ziel des praxisorientierten Forschungsprojekts war es, das Radfahren in dieser besonderen Lebensphase zu fördern. Auch Heike Eberhardt darf zum Abschied noch ihre Wünsche an die neue Stiftungsprofessur Radverkehr in das Pflichtenheft eintragen. 

Am Montag steht die letzte Teilstrecke unserer Etappe an, dann übergeben wir den Staffelstab an die Frankfurt University of Applied Sciences.

Tag 3 | 10.08.2020: Schwitzen für die Wissenschaft

Der Vormittag unseres letzten Tourentags steht ganz unter dem Motto "Leihsysteme". Wir starten zunächst in Karlsruhe und unterhalten uns mit Christian Büttner über das Ausleihsystem von Lastenkarle. In mittlerweile sieben Karlsruher Geschäften können kostenlos Lastenräder ausgeliehen werden, um Einkäufe autofrei und klimaneutral nach Hause zu bringen. Frank Pagel vom Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) erläutert uns den multimodalen Ansatz von KVV.nextbike. Für die sogenannte Erste und Letzte Meile im innerstädtischen Verkehr sind die Leihfahrräder mit dem blauen Emblem mittlerweile fester Bestandteil im Stadtbild. In Karlsruhe haben die Räder keinen festen Standort, sondern können nachdem Freeflow-Prinzip überall abgestellt werden. Ganz anders funktioniert das in Mannheim, dessen RNV-nextbike-Chef Frieder Zapper wir anschließend in der Quadratestadt treffen. Hier sind die Räder stationär untergebracht, 60 solcher Stationen sind es mittlerweile in Mannheim. Beide Systeme bringen Vor- und Nachteile mit sich wie Erscheinungsbild in der Stadt oder Kosten. Die Herausforderungen für die Zukunft des Leihsystems sieht Frieder Zapper in der Weiterentwicklung der Digitalisierung, der Aktzeptanz seitens der Nutzer sowie der Finanzierungsbereitschaft der Kommunen. Hier wünscht er sich von unserer Stiftungsprofessur Radverkehr wissenschafltich fundierte Erkenntisse.

Intermodal geht es auch für uns weiter. Für die weitere Teilstrecke nach Darmstadt nehmen wir aus Zeitgründen zunächst den Zug an die Bergstraße. Von dort treten wir die verbleibenden 20 km mit den Rädern an. Eine weise Entscheidung, denn die schwüle Mittagshitze dieses Wüstentags lähmt allmählich ein wenig unseren Bewegungsapparat. Mit Katalin Saary, Inhaberin das Planungsbüro Mobilitätslösung und Vorstandsmitglied des FUSS e. V., und dem Darmstädter Verkehrsplaner Simon Bülow treffen wir uns im Biergarten. Bei kühlen Getränken und einem leichtverdaulichen Snack tauschen wir Erkenntnisse im Zusammenspiel von Fuß-, Rad- und Autoverkehr aus. Vor allem in den oft schmalen Straßen im Innennstadtbereich kommt es hier zu Konflikten. Parkende Autos und stetiger Durchgangsverkehr lassen Radfahrer auf den Gehweg ausweichen, wo es zwangsläufig zu weiteren Konflikten kommt. Auch die neue Abstandsregel für Autos von 1,5 m zum Radverkehr trägt nicht gerade zur Vereinfachung des Problems bei. Nach dem Essen schauen wir uns zwei neuralgische Punkte vor Ort an.

In der Zwischenzeit hatten sich die Kollegen der Frankfurt University of Applied Sciences auf den Weg gemacht um gemeinsam mit uns den Endspurt anzutreten. Über einen Radschnellweg radeln wir als rot-blaues Mischteam von der Wissenschaftsstadt in die Bankenmetropole. Nach weiteren 33 km also erreichen wir ohne eine Panne und fast immer pünktlich unser Ziel. Der Staffelstab liegt nun in den Satteltaschen der Frankfurter und darf von dort in Richtung Wiesbaden weitergetragen werden. Alle Beteiligten sind sich einig, dass der Blick in die Praxis und der Austausch unter den Akteuren sehr viel Stoff für die Ausgestaltung der Stiftungsprofessur Radverkehr geliefert hat. Es gibt noch viel zu tun!

Kontakt

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Cordula Boll
stellvertretende Leiterin

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